Piratenangst – Welchen Parteien müssen sich wirklich „fürchten“?

Sollte das „Handbuch der Neurosenlehre“ in näherer Zukunft eine Neuauflage erfahren kommen die Macher (kleiner Scherz) um die Aufnahme eines neuen „Krankheitsbildes“ vermutlich nicht herum. Die „Piratenangst“ ist ein relativ junges Phänomen , dass sich aber rasant ausbreitet und seine Wirkung quer durch die politische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland entfaltet.

Das Unbehagen ist nicht frei von Substanz, denn das Tempo und die scheinbar „spielerische Leichtigkeit“ mit der hier Parlamente „erobert“ werden und das (einiger Maßen) stabil geglaubte Machtgefüge gesprengt wird kann den Strategen der „Etablierten“ durchaus das Wasser auf die Stirn treiben. Wer sich wirklich „fürchten muss“? – Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht.

CDU und SPD müssen sich, was Wähler und Mitgliederentwicklung angeht, eher grundsätzliche Gedanken um die Attraktivität ihre Profls machen. Hält der Piratenboom allerdings an werden die Wechselwählerzahlen drastisch zunehmen, denn wer möchte nicht gern auf der Seite des Gewinners stehen. Was die Basis der Aktiven angeht wird sich Wanderungsbereitschaft wohl vorerst in Grenzen halten. Auch wenn die PP momentan vielleicht eine recht schnelle Karriere verspricht dürften Streitkultur und (fehlender) Gemütlichkeitsfaktor den „normalen Konserativen“ eher abschrecken. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Um die Grünen (bevor ihr es langwierig recherchieren müsst, ich bin selbst dort Mitglied)  mache mir noch am wenigsten Sorgen. Auch hier gab es bei den letzten Landtagswahlen mitunter stattliche Wechselwählerquoten und (durchaus auch prominte) Parteiübertritte.
Andererseits war die (früher) „Strickpullover- und Turnschuhträgerorganisation“ nie wirklich die Option des schnellen Protestes sondern ist langsam aber stetig und mit viel Liebe zum „Wir-Gefühl“ gewachsen. Das hat meines Erachtens (hier wird ein „Fluch“ zum Segen) auch mit der herrausragenden Inhaltsschwere zu tun. Wer grün wählt oder „arbeitet“ hat in der Regel eine sehr bewusste Entscheidung getroffen und musste sich hierfür (wohl oder übel) durch jede Menge Material arbeiten und mit unbequemen Positionen leben lernen. Das macht vielleicht nicht immer Spaß, ist aber dafür recht authentisch und dürfte weiter nachhaltig wirken. Dabei wird viel darauf ankommen, dass wir unsere ökologischen Wurzeln weiter pflegen und wachsen lassen. Neugier und Lernbereitschaft ist allerdings wesentlich angesagter als verschränkte Arme und/oder Überheblichkeit.

Liberalen und Piraten wurde immer mal wieder eine „gewisse Verwandschaft“ zugesprochen. Da wo der „Freiheitsgedanke“ zur „Arsch an die Wand-Mentalität“ gerät mag das zutreffen. Ansonsten dürften die „politschen Freibeuter“ den FDP´lern noch ne Spur zu „schmuddelig“ (ist als Kompliment zu verstehen) und dem Willen zum unbedingten Lobbyismus abgeneigt sein.

Am härtesten (was auch die letzten Wahlen verheißen) dürfte es wohl die LINKEN treffen. Im Osten teilweise noch immer eine Art „DDR-Traditionsverein“, im Westen mehrheitlich  ziellos, heimatlos wahrnehmbar und in Regierungsverantwortung besten Falls „positiv angepasst“. Mit Dagmar Enkelmann, Gysi & Co. ins Parlament? Das dürfte zukünftig nur noch in Brandenburg einiger Maßen problemlos funktionieren. Auf ein besonderes „Gefährdungspotential“ weisen auch die Zahlen vollzogener Übertritte in den Kommunalparlamenten hin (Quelle: kommunalpiraten.de). Hier „führt“ die LINKE zahlenmäßig mit verhältnismäßig großem Abstand vor den Grünen und unabhängigen Wählervereinigungen.

Letztgenannte dürften aber überwiegend da Probleme bekommen, wo das nach außen propagierte Selbstverständis zu sehr auf der Abgrenzung zu Parteien basiert. Man kann sicher Vieles kritisch hinterfragen, aber das Bild von der „ziemlich vergangenheitslosen Organisation ohne Mief und Verkrustungen“ kriegen die „Orangen mit dem Segel im Logo“ noch immer bestens gemalt.

Generell wird viel davon abhängen wie schnell die Piratenpartei sich organisatorisch und inhaltlich festigt (es muss ja nicht gleich zu Verkrustungen führen), Unterwanderungensversuchen (die quasi mit jedem Hype einhergehen) begegnet und das Interesse an (wie auch immer) „selbstgemachter Politik“ hochhält. Das ihr das überhaupt gelungen ist  bleibt für mich  unverändert ein hoher Wert.

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